Die Freundin, die nie pünktlich war

Meine Freundinnen werden lächeln, wenn sie diese Geschichte lesen, denn sie werden meinen berühmten Spruch wiedererkennen: “Ich bin in einer halben Stunde da”. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jede Reise, egal wohin sie mich führt, eine halbe Stunde dauert, einen kurzen Moment, in dem ich mich fertig mache und meine Tasche packe. Ich war also immer zu spät dran. Meine Freundinnen gaben mir eine Zeit an und kamen dann selbst eine halbe Stunde später zu dem Termin. Normalerweise war ich noch nicht da.

Als ich das merkte, war ich absichtlich pünktlich, am liebsten etwas früher, um sie zu ärgern. Nach einer Weile wusste ich, bei welchen Leuten es besser war, pünktlich zu sein. Und bei einigen meiner Freunde konnte ich eine ungefähre Zeitangabe machen, etwa: “Sollen wir uns heute Nachmittag treffen?”

Freunde und Familie meinten, dass ich besser in den Mittelmeerraum passen würde. Das gilt sicherlich für das Klima. Was das Erleben der Zeit angeht, bin ich mir nicht sicher, weil die Busse dort mittlerweile auch nach dem Fahrplan fahren.

In meinem irdischen Dasein nimmt die Zeit einen herausragenden Platz ein. Ich sehe überall Uhren. Auf Kirchen, Gebäuden, Werbemasten, auf dem Herd, an der Wand, beim Wecker auf meinem Nachttisch, an den Handgelenken anderer Leute, auf dem Fernseher, dem Laptop und dem Smartphone.

Jede halbe Stunde ruft der Nachrichtensprecher im Radio die Uhrzeit auf und die Kirchenglocken sind darauf programmiert zu läuten. Am ersten Montag des Monats wird um 12 Uhr das Programm “Naturkatastrophen” geladen. Der Alarm tut mir jedes Mal in den Ohren weh.

In regelmäßigen Abständen landen Werbeprospekte, Zeitschriften und die Steuererklärung auf der Fußmatte. Alles ist an die Zeit gebunden: Der Geburtstagskalender hängt auf der Toilette und in meinem Terminkalender sind Verabredungen mit Freunden, der Arbeit und dem Zahnarzt in Zeitfenstern eingetragen. Vor allem muss die Zeit als “Einheit” geplant und kontrolliert werden.

In dieser Welt ist die Zeit das ultimative Mittel zur Kontrolle: Von einem Punkt, der als Anfang bezeichnet wird, wird eine Linie zu einem zweiten Punkt, der als Ende bezeichnet wird, gezogen. Alles, was dazwischen liegt, ist in Zeitblöcken untergebracht, sodass es pro Abschnitt und als Ganzes überwacht, kontrolliert und angepasst werden kann.

Die Zeit und die Menschen verlieren an Freiheit und Flexibilität. Du kannst die Leute korrigieren, wenn sie von der Linie abweichen oder wenn jemand einen Punkt an eine andere Stelle setzt oder gar keine Punkte setzen will, sondern ein Herz zeichnen möchte.

Was mich betrifft, so verschwindet die Zeiteinheit sofort aus dieser Realität. Die gefällt mir nämlich überhaupt nicht und ergibt für mich keinen Sinn. Die Zeit, wie ich sie hier erleben muss, dient mir nicht. Wenn ich nicht an die Zeit denke, existiert sie nicht.

Mein Körper signalisiert mir, wann er schlafen will. Ich wache auf, wenn die Sonne aufgeht, die Vögel zu singen beginnen und die Katzen auf das Bett springen.

Mit einem Schwung habe ich alle Uhren im Haus entfernt und mein Smartphone und mein Tablet weggeworfen. Die Konfrontation mit der Zeit und das Einsteigen in eine kontrollierte Zeitlinie ist jetzt eine Wahl.

Wenn ich einen frühen Arbeitstermin habe, einen Kurs im Osten des Landes besuchen möchte oder ein Flugzeug erwischen muss, wacht mein Körper in dem Moment auf, auf den ich ihn programmiere. Mein Körper ist der beste Wecker, den ich je hatte, und ich habe ihn immer bei mir.

Ich habe mit den Menschen in meinem Umfeld über die Zeit gesprochen und ihnen erklärt, dass ich organischen Kontakt bevorzuge. Das passte auch ganz gut dazu, das Smartphone loszuwerden. Ich möchte nicht mehr mit meinem derzeitigen altmodischen Mobiltelefon im Internet surfen. Ich möchte nicht Teil des digitalen Universums sein, das jetzt auf den Weg gebracht wird. Ich schicke lieber eine SMS, rufe an oder komme zu Besuch.

Das Smartphone wurde mir als ein schönes und sehr praktisches Gerät überreicht. Ohne darüber nachzudenken, nahm ich das Gerät an. Der Kontakt mit den Menschen in meinem Hologramm hat sich dadurch verändert.

Vor nicht allzu langer Zeit spürte eine Freundin, dass ich an sie dachte und ich mit dem Rad zu ihr unterwegs war. Als ich spontan bei ihr klingelte, war ihre Reaktion: “Na, das ist ja ein Zufall! Ich habe geahnt, dass du vorbeikommen würdest! Wie schön!”

Manchmal, wenn wir uns halbwegs einig waren, ich es aber nicht spürte, rief ich an und sie fühlte genau dasselbe. Es gab eine gewisse Synchronisation mit den lieben Menschen in meiner Welt.

Wir mussten uns nicht gegenseitig Apps schicken, um in Kontakt zu bleiben. Auch die Vereinbarung eines Termins in der Zukunft war nicht erforderlich.

Mir war nicht klar, dass sich in den letzten zehn Jahren eine andere Art der Begegnung entwickelt hatte. Und wie sie sich von spontan zu geplant entwickelt hat. Es wirkte wie eine langsame Anpassung, die sich unbemerkt eingeschlichen hatte und bei der das Digitale ein immer größerer Bestandteil zu werden schien.

Kontakte wurden über WhatsApp geknüpft. Ein Foto auf Insta zeigt, was wir tun, und wir zeigen unsere Liebe, indem wir ein Like auf Facebook geben. Waren Telefonate und spontane Verabredungen selten, weil wir jetzt so einfach ein Date über die App planen konnten? Dann vermisst man sich nicht mehr. Praktisch, oder?

Jetzt ist mir klar, dass wir einander verloren haben, seit das digitale Bewusstsein ins Spiel gekommen ist. Ich frage mich ernsthaft, ob mir diese Art der Kontaktpflege mit meinen Lieben gefällt. Es scheint, als ob die Art und Weise, wie man sich vorher gefühlt hat, ersetzt und gestört worden ist. Ich bin nicht mehr mit meinen Freunden im Bereich der Gefühle synchronisiert. Sie leben durch ihre Smartphones und ich habe keins, das sich damit verbinden lässt.

Bis vor kurzem habe ich viel Energie und Zeit darauf verwendet, meinen Kalender mit Terminen zu füllen, die in der Zukunft liegen. Ich würde mich in vierzehn Tagen mit einer Freundin zum Mittagessen verabreden. Als es dann soweit war, fühlte ich mich verpflichtet und hatte Bedenken. Ich sagte den Termin ab und hatte ein schlechtes Gewissen dabei. Dieses System hat für mich nicht funktioniert, aber das war mir nicht klar. Ich dachte, es ginge nur mir so.

Jetzt rufe ich eine Freundin an und frage sie, ob sie Lust hat, heute Nachmittag oder morgen mit mir essen zu gehen. Ich mache das kurzfristig, weil ich gerade jetzt Lust dazu habe. Ich weiß nicht, wie ich mich in vierzehn Tagen fühlen werde. Vielleicht gehe ich dann Fallschirmspringen oder so. Ich muss keine Pläne für die Zukunft machen. Wenn ich eine Begegnung spüre, gehe ich hin und genieße sie in dem Moment, in dem sie stattfindet.

Ich möchte im Hier und Jetzt leben. Und die Planung von Terminen bringt mich zurück in einen Lebensstil, der sich auf die Zukunft konzentriert. Ich habe akzeptiert, dass ich mein Leben nicht mehr planen will und fühle mich gut, wenn ich keine Ziele habe. Lass einfach das entstehen, was sein darf. Und alles ist erlaubt. Wenn ich ein Ereignis festlege, schließe ich alles andere aus.

Ich bin immer mehr imstande, ein organisches Leben in dieser digitalen Realität zu führen. Wozu braucht man Zeit, wenn man ein unsterbliches Wesen in einer Unendlichkeit von Leben, Freude und schönen Begegnungen ist? Warum sollte ich der Zeit Aufmerksamkeit schenken und in Angst leben, weil sie endlich ist?

Ich stelle mir vor, dass ich in ein Konzert gehe, wenn ich Lust habe, Musik zu hören oder zu singen. In dem Moment, in dem ich mich so fühle, gibt es bestimmt Freunde, denen es in diesem Moment genauso geht. Und das Konzert beginnt, wenn ich da bin, und für alle ist dieser Moment derselbe. Und doch tritt man in dem Moment ein, der für einen selbst richtig ist. Das Zeitempfinden ist wieder flexibel. Ich befinde mich in einer freien Zone, in der ich ein- und ausgehen kann, wann immer mir danach ist.

Eine Realität, in der es keine Grenzen gibt. Kein Druck, etwas zu erfüllen oder pünktlich zu sein. Es ist nicht nötig, die Zeitachse eines anderen zu beenden. Geld gibt es auch nicht, also gibt es keinen Grund, für meine Konzertkarte Geld zu bezahlen.

Freunde, in dieser Realität bin ich immer zu spät dran, aber ich weiß, dass ich in meiner eigenen Welt immer genau pünktlich bin.

übersetzt bei Elisabeth Slinkman

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